Saubere Luft wie sauberes Wasser: Sind Atemwegsinfekte wirklich unvermeidlich?
Warum neue Forschung Atemwegsinfektionen nicht mehr als Naturgesetz betrachtet - und welche Rolle Medikamente und Raumluft spielen.
Christoph Ruwwe-Glösenkamp
25. Juni 2026
Saubere Luft wie sauberes Wasser: Sind Atemwegsinfekte wirklich unvermeidlich?
Ein neuer Forschungsfonds will Erkältungen, Influenza und andere Atemwegsinfektionen weitgehend zurückdrängen. Das Ziel klingt zunächst vermessen. Der Vergleich mit der Wasser- und Abwasserhygiene hat meine Sicht darauf verändert.
500 Millionen Dollar gegen Atemwegsinfekte
Der Beitrag "Ending respiratory infections" stellt die neue Initiative Intercept vor. Sie startet mit 500 Millionen US-Dollar und einem ungewöhnlich großen Ziel: Atemwegsinfektionen sollen nicht nur besser behandelt, sondern langfristig selten werden.
Bemerkenswert ist, wer das finanziert. Zu den Geldgebern gehören Stripe, Anthropic, die OpenAI Foundation, Bill Gates, Personen aus dem Umfeld von Jane Street sowie Patrick und John Collison, die Gründer von Stripe.
Das gehört zu einer größeren Entwicklung. In der KI- und Softwarewirtschaft entstehen enorme Vermögen. Ein Teil davon fließt bereits in Biotechnologie, Grundlagenforschung und medizinische Technik.
Patrick Collison hat das Arc Institute mitgegründet, das biomedizinische Forschung langfristig und unabhängig von den üblichen kurzen Förderzyklen finanziert. Midjourney, bekannt durch seine KI-Bildgenerierung, entwickelt inzwischen einen Ganzkörper-Ultraschallscanner. Das ist noch kein klinisches Routineverfahren. Es zeigt aber, wie Kapital, Entwickler und Rechenleistung aus der KI-Branche direkt in medizinische Projekte wechseln.
In den kommenden Jahren werden aus der KI-Wirtschaft weitere große Vermögen entstehen. Ein Teil davon wird in Biologie und Medizin fließen. Dort liegen Probleme, die wissenschaftlich anspruchsvoller und gesellschaftlich wichtiger sind als das nächste Softwareprodukt.
Intercept ist ein frühes Beispiel für diese Kapitalverschiebung.
Warum gelten Infekte als unvermeidlich?
Als Pneumologe behandle ich ständig die Folgen respiratorischer Infektionen: Pneumonien, Asthmaanfälle, COPD-Exazerbationen, anhaltenden Husten, Belastungsdyspnoe und eine Verschlechterung bestehender Lungen- oder Herzerkrankungen.
Trotzdem hatte auch ich Erkältungen, Influenza und andere virale Atemwegsinfekte lange als unvermeidlichen Teil des Lebens betrachtet. Man kann impfen, Risikopatienten schützen und schwere Verläufe behandeln. Die Infektionen selbst würden aber bleiben.
Genau diese Annahme stellt Intercept infrage.
Der Vergleich mit der Wasser- und Abwasserhygiene ist einfach, aber überzeugend. Cholera, Typhus und andere wasserübertragene Erkrankungen gehörten früher zum Alltag. Sie wurden nicht in erster Linie dadurch zurückgedrängt, dass sich jeder Einzelne besser schützte. Man veränderte die Infrastruktur.
Trinkwasser wurde aufbereitet. Abwasser wurde kontrolliert abgeführt. Übertragungswege wurden systematisch unterbrochen.
Heute erwarten wir, dass das Wasser aus der Leitung keine Krankheitserreger enthält. Bei der Luft in Schulen, Arztpraxen, Büros, Pflegeheimen und öffentlichen Verkehrsmitteln akzeptieren wir dagegen, dass sie Infektionen überträgt.
Warum eigentlich?
Die Krankheitslast endet nicht mit dem Infekt
Spätestens seit der COVID-19-Pandemie wissen wir Pneumologen, dass ein Atemwegsinfekt nicht mit dem Abklingen von Fieber und Husten beendet sein muss.
Wir sehen Patientinnen und Patienten mit anhaltender Atemnot, eingeschränkter Belastbarkeit, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen und postinfektiösem Husten. Die WHO geht davon aus, dass etwa sechs von hundert Menschen nach einer COVID-19-Erkrankung eine Post-COVID-Erkrankung entwickeln. Auch wenn das Risiko heute geringer ist als zu Beginn der Pandemie, entsteht durch die große Zahl der Infektionen weiterhin eine erhebliche Krankheitslast.
COVID-19 hat dieses Problem sichtbar gemacht. Es betrifft aber nicht nur SARS-CoV-2.
Influenza kann Pneumonien und kardiovaskuläre Komplikationen auslösen. RSV trifft neben Säuglingen vor allem ältere und chronisch kranke Menschen. Rhinoviren gehören zu den wichtigsten Auslösern von Asthmaexazerbationen. Für Patienten mit COPD kann ein gewöhnlicher Atemwegsinfekt einen dauerhaften Verlust an Belastbarkeit bedeuten.
In der Praxis sehen wir nicht nur den akuten Infekt. Wir sehen seine Nachwehen.
Medikamente und saubere Raumluft
Intercept setzt deshalb auf zwei Ansätze.
Der erste sind breit wirksame Präventionsmittel: Impfstoffe, Nasensprays oder Tabletten, die gleichzeitig gegen mehrere Gruppen respiratorischer Viren schützen. Neue Verfahren des Protein- und Antikörperdesigns, RNA-basierte Wirkstoffe und eine gezielte Aktivierung der lokalen Schleimhautimmunität machen solche Ansätze realistischer als noch vor einigen Jahren.
Der zweite Ansatz ist die Reinigung der Raumluft. Filter, verbesserte Lüftungsanlagen und keiminaktivierende Verfahren sollen infektiöse Aerosole aus Innenräumen entfernen.
Beide Strategien ergänzen sich. Ein Medikament erreicht nie die gesamte Bevölkerung. Luftreinigung allein beseitigt ebenfalls nicht jede Übertragung. Zusammen können sie die effektive Reproduktionszahl vieler Atemwegsviren deutlich senken.
Der entscheidende Punkt ist: Saubere Luft darf nicht dauerhaft von geöffneten Fenstern, persönlicher Disziplin oder improvisierten Einzelgeräten abhängen. Sie muss Teil der Gebäudeinfrastruktur werden - so selbstverständlich wie Trinkwasserqualität und Brandschutz.
Ein anderer Blick auf Eradikation
In der klassischen Infektiologie bedeutet Eradikation die weltweite und dauerhafte Beseitigung eines Erregers. Bei Hunderten verschiedenen respiratorischen Viren ist das kein kurzfristiges Ziel.
Intercept verwendet den Begriff weiter. Gemeint ist eine Welt, in der Atemwegsinfekte so selten werden, dass sie ihren heutigen Charakter als ständige Begleiter verlieren.
Schon eine starke Reduktion hätte enorme Folgen: weniger Asthma- und COPD-Exazerbationen, weniger Pneumonien, weniger Krankenhausaufnahmen, weniger Post-COVID und andere postinfektiöse Beschwerden. Dazu kämen weniger Fehltage in Schulen, Familien und Betrieben.
Der eigentliche Perspektivwechsel liegt daher nicht in der Behauptung, dass morgen niemand mehr erkältet sein wird.
Er liegt in der Erkenntnis, dass die heutige Infektionslast kein Naturgesetz ist.
Wir haben wasserübertragene Erkrankungen durch Medizin und Infrastruktur zurückgedrängt. Nun beginnen wir, Atemluft auf ähnliche Weise zu betrachten. Die notwendigen Technologien sind noch nicht vollständig entwickelt und vor allem noch nicht flächendeckend eingesetzt. Das Ziel ist aber klar.
Wir sollten respiratorische Infektionen nicht länger nur behandeln. Wir sollten versuchen, ihre Übertragung grundsätzlich zu verhindern.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Wer nach einem Atemwegsinfekt anhaltende Atemnot, Brustschmerzen, Fieber, deutliche Leistungsminderung oder eine Verschlechterung bestehender Herz- oder Lungenerkrankungen bemerkt, sollte dies medizinisch abklären lassen.
Quellen
- Intercept: "Ending respiratory infections"
- Stripe: Information and assets
- Arc Institute: About
- Midjourney Medical: Ultrasonic CT / full-body ultrasound
- WHO: Post COVID-19 condition (long COVID)